Interview mit dem Vizepräsidenten für Entwicklung Bruder Belyneh

Bruder Belayneh ist seit November 2019 Vizepräsident für Entwicklung an der Bethlehem Universität (BU). Gemeinsam mit seinem Team versucht er weltweit die Arbeit der BU bekannt zu machen und Spenden zu sammeln, damit die Universität ihre Mission fortsetzen kann. Bruder Belayneh ist Mitglied des christlichen De La Salle Bruderordens, welcher seit der Gründung der BU 1973 die Universität unterhält. Die ABU hat mit ihm über die aktuelle Situation an der BU rund um die Covid-19 Pandemie gesprochen:

Auf welche Weise beeinträchtigt der Virus das Leben in Bethlehem und im Westjordanland?

Der Tourismus und die Pilger sind hier in Bethlehem die Lebensgrundlage sehr vieler Menschen. Nun fehlen die Besucher. Hotels sind leer, die Souvenirshops geschlossen und ein großer Teil der Eltern unserer Studierenden sind aufgrund dessen arbeitslos. Viele Palästinenser, welche für den Staat arbeiten, bekommen nur 50 Prozent ihres Lohnes gezahlt und Palästinenser, die in Jerusalem arbeiten, sind dazu gezwungen, dort zu bleiben, was für sie hohe Kosten verursacht. Einigen unserer Angestellten aus Jerusalem und Hebron war es bis vor kurzem nicht gestattet, nach Bethlehem zur Arbeit zu kommen. Der Ausbruch von Covid-19 bedeutet also zusätzlich zu den gesundheitlichen und psychischen Problemen, immense finanzielle Probleme.

 

Mit welchen Problemen und Einschränkungen müssen sich die Studierenden der BU aufgrund der Corona- Pandemie arrangieren?

Ein großes Problem war es für die Studierende, zu Hause online an Vorlesungen teilzunehmen, da viele von ihnen über keine gute Internetverbindung verfügen. Selbstverständlich waren die digitalen Vorlesungen auch eine Herausforderung für unser Lehrpersonal. Es musste viel Zeit und Energie investiert werden, um die Online-Kurse vorzubereiten und digitale Prüfungen zu entwickeln. Diese Situation hat uns aber auch die Möglichkeit gegeben, dazuzulernen. Unsere IT-Abteilung hat mehrere Fortbildungen für unsere Mitarbeiter organisiert. Eine weitere Herausforderung waren die Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit, welche jetzt schrittweise gelockert werden. Über zwei Monate hinweg gab es strikte Kontaktsperren in Palästina, die viele Bürger finanziell beeinträchtigt haben, aber dazu beitrugen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Wegen der wirtschaftlich angespannten Situation befürchten wir, dass viele unserer Studierende Schwierigkeiten haben werden, ihre Studiengebühren zu zahlen. Da die Infektionszahlen in Jerusalem sehr hoch waren, kann es noch eine Weile dauern, bis man von Jerusalem wieder ungehindert nach Palästina gelangen kann. Das betrifft auch einige unserer Mitarbeiter und auch die 45 Prozent unserer Studentenschaft, welche in Jerusalem leben. Die Wiedereröffnung der Universität kann sich daher noch verzögern, abhängig davon, welche Entscheidungen die israelischen Behörden bezüglich der Bewegungsfreiheit zwischen Jerusalem und Bethlehem treffen werden.

 

Was sind Ihre größten Sorgen bezüglich der akademischen Zukunft ihrer Studierenden?

Aufgrund des Ausbruchs von Corona konnte unser Praktikumsprogramm nicht stattfinden. Sieben Studentinnen und Studenten können daher nicht die sehr kostenintensiven Praktika in Australien und den USA antreten. Wenn die Studierenden zumCampus zurückkehren können, müssen wir zusammen mit ihnen überlegen, wie ein zweiter Versuch gestartet werden kann.

Wir befürchten, dass einige Studierende ihr Studium abbrechen müssen, da sie, aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage, nicht mehr ihre Studiengebühren zahlen können. Die aktuelle Wirtschaftskrise wirkt sich zudem negativ auf die beruflichen Zukunftsaussichten unserer Studierenden nach ihrem Abschluss aus.

Einige Studenten finanzieren sich ihr Studium durch Nebenjobs im Hotel- und Tourismusbereich. Dieser Sektor wird vermutlich einige Zeit brauchen, um sich zu erholen. Davon werden auch viele Eltern unserer Studierenden betroffen sein.

 

Kann man im Moment abschätzen wann die Studierenden auf den Campus zurückkehren können?

Durch Online-Vorlesungen und virtuelles Lernen waren wir in der Lage, das Semester wie geplant zu Ende zu führen. Das ist für uns ein großer Erfolg.

Sollte sich die Situation weiterhin verbessern und sollte es keine anderslautenden Bestimmungen seitens der Regierung geben, arbeiten wir darauf hin, im September 2020 wieder zu eröffnen. Bis dahin unterstützt die Universität das Lehrpersonal auch künftig dabei, online Unterricht zu gewährleisten.

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